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Januar 2017
PROGRAMM 2017

120 Jahre alt und so jung wie am ersten Tag

Dies ist die Geschichte eines kleinen Museums, das gross geworden ist. Allerdings nicht mit einem Riesenumbau durch einen Stararchitekten oder einer weltumwerfenden Erweiterung, sondern dank der einzigartigen Kunstwerke, die in den letzten drei Jahren gemeinsam in die Museumssammlung gelangten. Seit 2014 erhielt das Musée Jenisch Vevey mehr als 6'000 neue Blätter und konnte so von innen her wachsen. Dieses Phänomen hat eine mitreissende Wirkung. Die Institution, die zu den ältesten Kunstmuseen der Schweiz zählt, ist in ständigem Wandel begriffen und fühlt sich deshalb nie älter werden. Und dies, obwohl sie 2017 ihr 120-jähriges Bestehen feiert!

Im Jahr 2017 setzt das Musée Jenisch seinen Kurs fort, indem es dem Cabinet cantonal des estampes Ehre erweist, das innerhalb des Museums einen eigenen ständigen Ausstellungspavillon erhält, und indem es im Herbst dank der Grosszügigkeit der Museumsfreunde den vom Landschaftsarchitekten Augusto Calonder entworfenen neuen Garten für das Publikum öffnet.

Das Ausstellungsprogramm ist auf Druckgrafik und Zeichnung ausgerichtet und präsentiert hauptsächlich die museumseigenen Sammlungen, ob es nun um zeitgenössisches Schaffen oder um die Kunst vergangener Zeiten geht. Im Frühjahr zeigt eine Schau, die der Schweizer Kunstszene der 1990er-Jahre gewidmet ist, die Geschichte des Kollektivs M/2 und seines Kunstraums in Vevey sowie die faszinierenden Zeichnungen von Stéphan Landry. Im Sommer stellt Vertige de la couleur die Lithografie und deren Farbpotenzial in den Mittelpunkt und vereint dazu Meisterwerke einer grossen Privatsammlung und eigene Museumsschätze. Im Herbst kommt in einer von Rainer Michael Mason kuratierten Ausstellung der riesigen Holzschnitte von Franz Gertsch ein weiteres Mal die Druckgrafik zu Ehren.

So ist das Jenisch auch 2017 von Lebensschwung erfüllt und empfängt Sie mit offenen Armen, damit Sie die Schönheit der Welt in all ihren Formen schätzen lernen können.

Julie Enckell Julliard
Direktorin des Musée Jenisch Vevey


Ein Museum für Werke auf Papier    
                
November 2014

Mehr als 95 % der Sammlungsbestände sind Drucke und Zeichnungen
Als zweitgrösstes Kunstmuseum im Kanton Waadt ist es dem Musée Jenisch Vevey über die Jahre gelungen, zahlreiche hochkarätige Sammlungen aus Werken auf Papier zusammenzuführen – grösstenteils Drucke und Zeichnungen über alle Epochen hinweg – die heute mehr als 95 % des Museumsbestands ausmachen und sich aus rund 9'500 Zeichnungen, 35'000 Drucken und 1'300 Gemälden zusammensetzen.

1968 wurde der Sammlungsbestand durch ein wertvolles Legat von René de Cérenville im Umfang von über 150 alten Zeichnungen erweitert, darunter mehrere seltene Blätter von berühmten italienischen Renaissance-Künstlern. Rund zwanzig Jahre später liess sich in Vevey das Cabinet cantonal des estampes nieder, bestehend aus der Fondation William Cuendet & Atelier de Saint-Prex, dem Fonds Pierre Decker und der grafischen Sammlung des Kantons Waadt (dem Teil aus dem Musée de l'Elysée). Bald gesellten sich die grafischen Sammlungen der Stadt Vevey, des Musée Alexis Forel, der Fondation Pierre Aubert und der Fondation Planque dazu. Heute umfasst das Cabinet cantonal des estampes 35'000 Werke. Einige Jahre zuvor hinterlegte zudem die Fondation Oskar Kokoschka ihre Bestände aus rund 1'200 Drucken und mehreren Hundert Zeichnungen des österreichischen Künstlers in Vevey. 2007 hinterliess ein Sammler der Stadt Vevey einen Bestand aus 400 Zeichnungen aus dem französischen und italienischen Kulturraum des 18. Jahrhunderts und 2014 schliesslich schenkte Rudolf Schindler dem Museum 632 Zeichnungen von Ferdinand Hodler.

Verbreitung und Vermittlung von Druckgrafik und Zeichnung
Das Musée Jenisch Vevey will sich komplementär zu den anderen Museen des Kantons Waadt entwickeln. Dem Kunstmuseum Lausanne (Musée cantonal des Beaux-Arts de Lausanne) möchte es weiterhin die umfangreichen Gemälde-Retrospektiven, Ausstellungen zur Videokunst und grossen Installationen überlassen und sich selbst auf der Grundlage der von ihm aufbewahrten Sammlungen der Verbreitung von Werken auf Papier verschreiben. Seine Wechsel- und Dauerausstellungen frönen deshalb voll und ganz der Druckgrafik und der Zeichnung. Auf der ersten Etage widmen sich der Raum «cœur» der Präsentation der verschiedenen Druckgrafik-Bestände und die beiden kleineren Räume des Flügels «Montreux» der Zeichenkunst. Auch bei der Ausstellungskonzeption und der damit einhergehenden Gliederung des Ausstellungsjahrs in drei Teile wird eine möglichst wirksame Bekanntmachung der Bestände angestrebt: Der Frühling gilt jeweils aufstrebenden jungen Künstlern, der Sommer wartet mit einer Ausstellung von internationaler Reichweite auf, und der Herbst steht im Zeichen der Kontemplation und Reflexion, wenn jeweils ein bedeutendes kunstgeschichtliches Thema genauer beleuchtet oder unter einem neuen Blickwinkel entdeckt wird. Mindestens einmal jährlich gehört eine Ausstellung allein einem Thema der Druckgrafik. Die übrigen Ausstellungen würdigen die Zeichenkunst oder auch zeitgenössische Papierobjekte im weitesten Sinne und stützen sich meist auf die Sammlungen. Auch die Publikationstätigkeit konzentriert sich auf die Bereiche Druckgrafik und Zeichnungen, wobei das Museum und das Cabinet des estampes bereits auf eine beachtliche Reihe an Werkverzeichnissen, Sammlungskatalogen, Monografien und thematischen Werken zurückblicken können.

Das Cabinet cantonal des estampes im Musée Jenisch Vevey
Das 1987 im Musée Jenisch Vevey gegründete und am 11. April 1989 eingeweihte Cabinet cantonal des estampes vereint öffentliche und private druckgrafische Sammlungen, die im Waadtland entstanden sind und/oder einen besonderen Bezug zur lokalen Kunstgeschichte aufweisen. Dabei handelt es sich um die Nachfolgeeinrichtung eines früheren, zwischen 1979 und 1983 im Musée de l'Elysée eingerichteten grafischen Kabinetts, das einige der in Vevey hinterlegten Bestände zusammengeführt hatte (Fondation William Cuendet & Atelier de Saint-Prex, die grafische Sammlung Pierre Decker und die vor Ort eingerichtete grafische Sammlung des Kantons Waadt).

Nachdem das Cabinet cantonal des estampes bis 2009 im Erdgeschoss ansässig war, erstreckt es sich mittlerweile über drei Stockwerke des Musée Jenisch. Zum einen kommt das Cabinet cantonal des estampes in den Räumlichkeiten des Erdgeschosses mindestens einmal jährlich in den Genuss einer Wechselausstellung, mit der es den Museumsgästen ein auf die Dreiteilung des Museumsjahrs abgestimmtes wissenschaftliches Projekt näherbringt, das sich mit einem besonderen Thema oder dem Werk eines Künstlers auseinandersetzt. Das Programm wird in enger Zusammenarbeit mit der Museumsleitung erarbeitet, und je nach Möglichkeiten und finanziellen Mitteln werden diese Wechselausstellungen von einer Publikation begleitet. Diese Ausstellungen würdigen jeweils einen der aufbewahrten Bestände und werden bisweilen durch Leihgaben erweitert.

Zum anderen verfügt das Cabinet cantonal des estampes mit seinem auf der ersten Etage liegenden Raum «cœur» über eine eigene Plattform. Die jährlichen drei Wechselausstellungen honorieren die einzelnen Bestände und offerieren über das Jahr hinweg ein ansehnliches Themenspektrum, z. B. dank einem zeitgenössischen oder historischen, thematischen oder monografischen Ansatz oder über eine Auswahl an Glanzstücken. Über diese Aufhängungen wird der Fokus auf eine besondere Werkauswahl gerichtet oder stellt einen aktuellen Bezug zu einem der Deponenten her. Die jährlich erfolgende Programmierung kann eine unterschiedlich aufwändige Beteiligung der Sammlungskonservatoren beinhalten.

Mit der «Salle Leenaards» verfügt das Cabinet mittlerweile auch über einen Studienraum mit eigener einschlägiger Bibliothek, zu dem sowohl Spezialisten als auch ein interessiertes Publikum Zugang haben und der sich hervorragend zur wissenschaftlichen oder bestandestechnischen Werkbetrachtung eignet.

Das Cabinet cantonal des estampes will die im Bereich des bedruckten Papiers möglichen Ausdrucksformen einem breiten Publikum vermitteln, das aus langjährigen Liebhabern wie aus Novizen besteht – ein pädagogischer Auftrag, für den es sich auf seine umfangreichen Sammlungen stützen kann. Das Cabinet cantonal des estampes ist ganz und gar Teil der Identität des Musée Jenisch Vevey und seines Ziels, ein Kompetenzzentrum für Werke auf Papier zu begründen.

Das Musée Jenisch: Räumlichkeiten und ein Konservatoren-Team auf der Höhe der Sammlungen
Das mittelgrosse Musée Jenisch verfügt über die erforderlichen Depots, um Werke auf Papier fachgerecht aufzubewahren und zu lagern. Auch die Räumlichkeiten, das Mobiliar und das Konservations-Atelier sind auf diese Aufgabe ausgerichtet und entsprechen bezüglich hygrometrischer und klimatischer Stabilität und bezüglich Sicherheit den ICOM-Richtlinien. Der Studienraum («Salle Leenaards») ermöglicht auch aussenstehenden Fachleuten das Studium von Werken. Ein Team aus Spezialisten für Verpackung, Rahmung, Restauration, Inventarisierung und das einschlägige Werkstudium wurde eigens zu diesem Zweck gebildet und ausgebildet und wird regelmässig zur Kompetenzerweiterung im Rahmen von Weiterbildungen eingeladen.

CROP: Forschungszentrum für Werke auf Papier
Im Hinblick auf die Digitalisierung seiner Bestände an Werken auf Papier kam das Musée Jenisch Vevey 2013 in den Genuss einer substantiellen Subventionierung durch das Bundesamt für Kultur. Damit wurde die Positionierung des Musée Jenisch Vevey als einschlägiges Forschungszentrum auf eidgenössischer Ebene anerkannt, und es wurde ein Projekt eröffnet, dank dem die verschiedenen Druckgrafik- und Zeichnungsbestände innert geplanter Frist online zur Verfügung gestellt werden können. Dieses Digitalisierungsprojekt verfolgt zwei Ziele: Zum einen erhält ein breites Publikum Zugang zu diesem kulturellen Erbe und dies erst noch bei gleichzeitiger Schonung der Werke, zum anderen werden die Werke virtuell gesichert.

Eine gezielte Akquisitionsstrategie
Das Musée Jenisch will die Komplementarität der verschiedenen im Kanton Waadt aufbewahrten Sammlungen stärken. Zu diesem Zweck verfolgt es eine Akquisitionsstrategie, mit der es Lücken füllen und verschiedene Druckgrafik- und Zeichnungsbestände weiter bereichern sowie die neueren künstlerischen Entwicklungen in diesen zwei Feldern wiedergeben möchte. Die von der Stadt Vevey für Akquisitionen vorgesehenen Mittel wären zwar für den Erwerb von exzellenten Gemälden oder grossen internationalen zeitgenössischen Werken nicht ausreichend, im Bereich der Druckgrafik und der Zeichenkunst gewähren sie dem Museum jedoch die Möglichkeit, das Beste zu erwerben.

Eine zielgerichtete Kulturvermittlung
Im Sinne seiner Gesamtausrichtung verfolgt das Musée Jenisch auch bei der Kulturvermittlung das Ziel, sein Publikum für die Druckgrafik und die Zeichenkunst zu sensibilisieren. In einer immer mehr durch die Digitalisierung geprägten Gesellschaft kommt diesem Ansatz eine besondere Bedeutung zu. Ob das Museum nun Schulen der Grund- oder Mittelstufe oder auch Fachklassen empfängt – seinen Auftrag sieht es stets darin, das Potential des Trägermaterials Papier und der verschiedenen Druck- und Zeichentechniken zu vermitteln.

Komplementarität und Spezialisierung
In einer Kulturlandschaft, in der die Angebote im Überfluss vorhanden sind und die Institutionen und Projekte unvermeidlich wachsen, bekunden viele Institutionen Mühe, eine ihren Ambitionen gerechte finanzielle Unterstützung zu erlangen und sehen sich als Konkurrenten oder Rivalen. Das Musée Jenisch hingegen begründet sein Wirken auf der Logik eines spezialisierten Nischenangebots und setzt auf die Komplementarität der Angebote, wobei es sich selbst eine starke und wiedererkennbare Identität eingesteht. Es hat sich zum Ziel gesetzt, mehr von innen heraus als von aussen zu wachsen. Dazu will es seine Kompetenzen in den Bereichen Konservierung, Forschung und Ausstellungstätigkeit weiter stärken und seine Sammlungen gezielt erweitern, kurz: Es will zum unumgänglichen Schweizer Exzellenz-Zentrum für Werke auf Papier werden. Denn oft werden solche Werke auf die Nebenplätze verwiesen und schon deshalb nicht als erstrangige Werke wahrgenommen. Das Musée Jenisch verhilft diesen Werken zu dem ihnen gebührenden Ausstellungsort und setzt sich das ehrgeizige Ziel, zum ersten Schweizer Museum zu werden, das sich ausschliesslich dem Studium und der Verbreitung der Druckgrafik und der Zeichnung verschreibt.

Julie Enckell Julliard, Direktorin des Musée Jenisch Vevey
in Zusammenarbeit mit Laurence Schmidlin, Konservatorin des Cabinet cantonal des estampes und stellvertretende Direktorin des Musée Jenisch Vevey